"Du bist doch die Tochter von Hugo!"

Am 11. März 2010 war Rachel Dror im Rahmen unseres Austauschprojektes „Erinnerungsarbeit“ am Wilhelms-Gymnasium zu Gast und berichtete als Zeitzeugin und Überlebende des Holcaust aus ihrem Leben.

Rachel Dror wurde 1921 in Königsberg (Ostpreußen) geboren, und bis zum 21. März 1933 führte sie ein ganz normales Leben. Danach durfte sie keine nicht-jüdischen Freunde mehr haben und musste in der Schule ganz hinten sitzen, was ihr zunächst nichts ausmachte, da sie eigentlich eine „faule Schülerin“ war. Schließlich war sie aber zu schlecht für das Gymnasium und wechselte auf die Realschule. Dort gingen die Probleme jedoch weiter. Sie entschloss sich „nie wieder zur Schule zu gehen“, woraufhin der Rabbi entschied, sie in einer Gruppe junger Juden unterzubringen, die für eine Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden.

Inzwischen brannten in Deutschland die Synagogen, und es herrschte ein großes Chaos auf den Straßen. Frau Dror kam mit der Gruppe junger Juden in das Gebiet von Hamburg, wo man noch nicht so viel von dem „Chaos“ merkte, da Hamburg eine Stadt mit Hafen ist und Deutschland in Ausland nicht schlecht dastehen wollte. Frau Dror verbrachte ihre Zeit in Hamburg, teilweise auch bei einer Tante, die dort wohnte, bis sie einen Anruf von ihrem Vater bekam, sie solle sofort nach Hause kommen. Ihr Vater, der sie am Bahnhof abholte, hatte Abdrücke von einem Schlag im Gesicht und teilte ihr mit, dass sie ihre alte Wohnung hergeben mussten und nun eine einfache Bleibe in einem weniger guten Viertel hatten. Noch in der Nacht, in der sie ankamen, wurde ihre Familie überfallen und alle wertvollen Gegenstände, die sie noch besaßen, wurden gestohlen oder zerstört. In den nächsten Wochen bereitete Frau Dror ihre Auswanderung nach Palästina vor, wohin sie schließlich alleine am 25.04.1939 auswanderte. Sie war inzwischen 18 Jahre alt und ihre Tante half ihr, so dass sie in Palästina ein neues Leben beginnen konnte. Sie hatte nun keinen Kontakt mehr zu Familie und Freunden. In Palästina lernte sie ihren Mann kennen, von dem sie auch eine Tochter bekam. An einem „kindfreien“ Abend rief plötzlich eine Frau: „Sie sind doch die Tochter von Hugo.“ Diese Frau erkannte Frau Dror aufgrund eines Photos, das Rachel Drors Vater bei sich getragen hatte und zu dem er gesagt hatte: „Dies ist meine Tochter.“
Im Gespräch mit der unbekannten Frau erfuhr Frau Dror, dass ihre Eltern illegal nach Italien ausgewandert waren, dort aber wieder 1944 aufgegriffen worden waren. Sie waren nach Auschwitz gekommen, doch der Arzt Mengele „schickte meine Mutter sofort in den Ofen“. Frau Drors Vater, der eine gute Ehe führte, wollte zusammen mit seiner Frau sterben und ging freiwillig mit ihr in den Tod.

Rachel Dror kam nach Kriegsende wegen einer Krankheit, die man in Palästina nicht heilen konnte, wieder nach Deutschland. In Deutschland ist sie bis heute als Zeitzeugin tätig. Ihr jüngerer Bruder kann mit all diesen Erlebnissen nicht so gut umgehen und lebt noch immer in Israel. „Er hat bereits eine Therapie hinter sich, aber wenn er etwas über die damalige Zeit hört, reagiert er immer noch verstört und stottert.“

Jessica Gaedtke, Adina Glaser-Gallion, Andréa Lebon, Emilie Lair, Cathy Rallay
15.03.2010

Rachel Dror mit Emily Lair, Andrea Lebon, Cathy Ralay und Lalasoa Rafiakarana
Rachel Dror mit Emily Lair, Andrea Lebon, Cathy Ralay und Lalasoa Rafiakarana