Treffpunkt und gleichzeitig erste Station der Führung war der Marienplatz. Hier wurde uns gleich zu Anfang von unserem Stadtführer Thomas Schuler erklärt, dass dieser Ort ein Treffpunkt für Alkoholiker und Drogenabhängige war. (Mir war das allerdings bis zu diesem Zeitpunkt völlig entgangen und nie aufgefallen.) Aus genau diesem Grund wurde der Marienplatz vor einigen Jahren umgebaut um aus dem unübersichtlichen Brennpunkt einen ansehnlichen Platz zu machen.
Aber man hat uns an dieser Stelle auch gesagt, dass die Stadt Stuttgart die Probleme, die durch Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige entstehen, immer nur verlagert und diese nicht behoben werden.
Genauso wurde es auch an U-Bahnstationen und öffentlichen Plätzen gemacht An unterirdischen Bahnstationen wird, um "Ungebetene" zu verscheuchen, ständig Musik gespielt. Obdachlose können dabei nicht schlafen, bei Alkoholikern und Drogenabhängigen entsteht im Kopf ein solches "Dröhnen", dass sie schnellstens das Weite suchen.
Weiter ging es mit dem "Hans Sachs Haus" der Privatorganisation "Nestwerk", welche Wohnsitzlosen ein Dach über dem Kopf bietet.
Diese Organisation stellt in Stuttgart einige Häuser zu Verfügung, in denen Obdachlose zu dritt oder viert günstig wohnen und sich versorgen können. Da diese Häuser von sehr vielen und auch oft wechselnden Personen bewohnt werden, kann nicht jeder schalten und walten wie er will. Jeder muss sich einbringen und strenge Regeln befolgen.
Im Hans Sachs Haus sind die "Bewohner" jedoch nicht ganz auf sich gestellt, da sie einmal in der Woche Hilfe zur Lösung ihrer Probleme in Anspruch nehmen können.
Unsere dritte Station war eine Hauptstelle von "Trottwar", in der uns Thomas Schuler die Organisation genauer erklärt hat. Wir haben erfahren, dass Trottwar mehr als einen Zeitung ist, sie ist auch eine Anlaufstelle für viele Arme, die Hilfe oder ein Dach über dem Kopf brauchen. Dies ist eine der wenigen Stellen, die es wirklich schaffen kann, Obdachlosen wieder in die Selbstständigkeit zu helfen, indem sie ihnen Arbeit gibt. Die Angestellten arbeiten in drei Stufen im Zeitungsverkauf. In den verschiedenen Stufen verändert sich das Gehalt und die zu verkaufenden Zeitungen. In der ersten Stufe 500 Zeitungen, in der Zweiten 750 und in der dritten 100 Zeitungen. Die Angestellten beginnen wieder selbst Steuern und Miete zu zahlen, worauf sie meist sehr stolz sind. Die freien Verkäufer werden als Mini-Jobber gemeldet und bekommen zusätzlich vom Staat Sozialhilfe.
Als nächstes kamen wir in die Nähe des "Schlupfwinkels", dem wir aber nicht zu nahe kommen durften, da die Kinder dort sehr verängstigt sind. In diesem Haus kommen Kinder an, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Stuttgart "gestrandet" sind. Sie werden meistens von Streetworkern, Jugendarbeitern und oft auch von Obdachlosen zum "Schlupfwinkel" gebracht. Dort werden sie aufgenommen und gemeinsam mit Betreuern und Jugendarbeitern Lösungen für ihre Probleme erarbeitet. Man kann es kaum glauben, aber er kommen täglich zwischen 20 und 50 Kinder dort an, von denen die meisten nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren können. Kinder die vergewaltigt, sexuell missbraucht, mit dem Tod bedroht, hungern mussten oder ständig verprügelt wurden kommen, bis eine Pflegefamilie oder Adoptiveltern gefunden sind, in ein Notkinderheim. Sind die Eltern bekannt, wird ihnen nur mitgeteilt, dass ihr Kind lebt, aber nie mehr zu ihnen zurückkehren wird und sie es auch nicht mehr sehen werden.
Die selteneren Fälle sind Kinder, die wegen schlechter Noten, normalem Ärger zu Hause, oder aus Trotz abgehauen sind. Diese werden vom Jugendamt oder der Polizei zu ihren Eltern zurückgebracht.
Anschließend kamen wir zum "Sleep-in". Hier können bis zu 50 Personen unterkommen. Für eine kleine Miete bekommen sie zu dritt oder viert ein Zimmer und können sich dort auch verpflegen. Wie überall müssen sich die Bewohner an die geltenden Regeln halten, wer das nicht tut fliegt raus. Handelt es sich dabei um einen Drogenabhängigen, fliegt er auch aus dem Metadonprogramm, sofern er es in Anspruch genommen hatte.
Das Hauptsozialamt für Obdachlose kümmert sich auch um deren Sorgen. Dort werden Beratungen für Frauen und Männer, getrennt nach Geschlecht, angeboten. Sie stellen kostenlos Kleidung zur Verfügung.
Frauen werden an Wohnheime vermittelt.
Das "Haus Neef" ist ein so Zufluchtsort für Frauen. Sie finden dort Schutz und Sicherheit vor ihren gewalttätigen und prügelnden Männern. Kein Mann darf näher als 50m an dieses Haus herankommen, es ist kameraüberwacht und sobald ein Mann näher kommt werden alle Türen verriegelt. Niemand kommt herein oder heraus bis die Luft wieder rein ist. Viele dieser Frauen haben ein jahrelanges Martyrium hinter sich, bis sie endlich den Mut gefunden haben, sich aus der Abhängigkeit ihrer Männer zu befreien. Im Haus Neef werden die Frauen therapiert. Ihr Selbstbewusstsein wird aufgebaut und es werden ihnen Möglichkeiten aufgezeigt, wie sie nach einiger Zeit wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Weitere Hilfen in Stuttgart bieten Vesperkirchen, die Evangelische Gesellschaft und Diakonische Einrichtungen.
Eigene Eindrücke:
Ich fand es schockierend, zu erfahren, dass es in einer so reichen Stadt wie Stuttgart so viele Obdachlose gibt, obwohl sie mir, wenn ich mal in der Stadt war, noch nie aufgefallen sind. Mir ist nur ein Dauerplatz bekannt, und zwar in der Tiefgarage der Staatsgalerie, ob sie allerdings heute noch dort kampieren dürfen, ist mir nicht bekannt. Wir parken normalerweise in der Tiefgarage vom Haus der Geschichte.
Das Schlimmste war für mich jedoch, zu hören, wie viele umherirrende Kinder pro Tag aufgegriffen und in den Schlupfwinkel gebracht werden. Es ist entsetzlich und völlig unbegreiflich, dass der größte Teil von ihnen auch nie mehr zu ihren Eltern zurückkehren können, weil ihnen von dort körperliche und seelische Schäden zugefügt werden.
Trotz allem ist aber festzustellen , dass diese Menschen nicht vollkommen von der Gesellschaft vergessen werden. Das sieht man sehr deutlich, wenn man sich klar macht, wie viele , auch private, Organisationen und Projekte ins Leben gerufen wurden und wie viele davon hauptsächlich durch Spenden finanziert werden.
Die vielen kleinen Hilfsangebote zu sehen, zeigt deutlich, dass die Gesellschaft, auch wenn sie besser sein könnte, doch sozialer ist, als man denkt.
Raquel Wahl Klasse 11b
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