Theater am WG

JEMAND SIEHT NATHAN

   

Eine Aufführung der Theater-AG

Dieses Jahr hat die Theater-AG gleich zwei Stücke in einer Inszenierung zusammen aufgeführt. Die Werke „Andorra“ von M. Frisch und „Nathan der Weise“ von G.E. Lessing wurden hierfür durch das gemeinsame Thematisieren von Antisemitismus miteinander verbunden. Judenhass, ein Thema, welches gerade in der jüngeren Vergangenheit – leider – wieder an mehr Relevanz gewinnt, wird in „Jemand sieht Nathan“ durch hervorragendes Schauspiel und passende szenische Mittel konkret angesprochen und kritisiert. Das Stück wechselt, angekündigt von „Pausen“ mit musikalischer Begleitung, immer wieder zwischen den Handlungssträngen der beiden Geschichten. Dabei nehmen einige Schauspieler*innen jeweils eine Rolle aus beiden Geschichten an, dies jedoch, aufgrund der unterschiedlichen Kleidung, ohne für das Publikum für allzu große Verwirrung zu sorgen. Die Handlungsstränge laufen zunächst parallel nebeneinander, ohne Bezug auf den anderen zu nehmen (nur die Doppelbesetzungen deuten Parallelen an), was sich am Ende des Stücks jedoch ändert. 

Das Stück beginnt mit einer Szene aus dem Werk „Andorra“ und die Zuschauer lernen das Liebespaar Andri (Peter Hagemann) und Barblin (Janne Lehwald) kennen. Eine Beziehung die aufgrund der schauspielerischen Authentizität besonders deutlich wahrzunehmen ist. Die beiden beschließen, dass sie heiraten wollen, wobei zu erwähnen ist, dass Andri als ein aus dem Nachbarland geretteter Jude im Dorf stark mit Diskriminierung zu kämpfen hat. Als die beiden dem Vater (Jannes Mutter) und der Mutter (Sofija Knezevic) ihren Plan eröffnen, lehnt der Vater die Bitte ab. Voller Wut und Enttäuschung geht Andri ab und schleudert seinem Vater später entgegen, dass er ihn hasse. Am Ende erfahren die Zuschauer, dass der Vater die Bitte verneinte, da der über all die Jahre als Adoptivsohn aufgezogene Andri tatsächlich der leibliche Sohn des Vaters ist, was ihn zum Halbbruder Barblins macht und gleichzeitig auch zu einem Christen, nicht zu einem Juden. Als Andri dies vom Pater (Ida Rumm) erfährt, ist er zunächst erschüttert, beharrt aber auf seiner Identität als Jude und wird vom Volk ausgeliefert. Das Volk (verkörpert von Sophie Gmelin und Helene Krülle) interagiert innerhalb der Handlung immer wieder mit Andri und wird dabei immer brutaler und skrupelloser. 

Parallel dazu verläuft die Geschichte von Nathan (Jannes Mutter), dessen Tochter Recha (Nigin Jannataliyeva) von einem Tempelherrn (Luis Tempel Luque) aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Tief in der Schuld stehend, will der dankbare Nathan dem Tempelherrn Hilfe anbieten. Als Recha sich bei dem Tempelherrn persönlich bedanken will, verlieben die beiden sich ineinander. Der Tempelherr wirbt bei Nathan um die Hand Rechas, wobei er ignoriert, dass sie jüdischen und er christlichen Glaubens ist – was, wie er später durch Daja (Sofija Knezevic) erfährt, gar nicht stimmt. Doch Nathan weist ihn zunächst ab, da er die Vermutung hat, dass die beiden verwandt sein könnten. Diese Vermutung behält er zunächst jedoch für sich, was dazu führt, dass der erboste Tempelherr sich an den Patriarchen (Konstantin Reinhardt, Helene Krülle, Sophie Gmelin), der den Tempelherrn durch den Klosterbruder (Janin Geist) für seine Dienste anwerben wollte, und später den Sultan (Ilayda Yildiz) wendet. Dieser hat zuvor ein Gespräch mit Nathan geführt, in dem es entgegen der Erwartung Al-Hafis (Ida Rumm) nicht um die Finanznot des Sultans ging. Nathan bringt dem Sultan auf die Frage nach der richtigen Religion mit der berühmten Ringparabel (Nathans Stimme z.T. Janin Geist) die religiöse Toleranz nahe. Am Ende klärt sich die Sache auf und alle – bis auf Nathan – erweisen sich als Mitglieder einer Familie. 

Als die beiden Handlungen zu ihrem jeweiligen Schluss kommen, werden sie durch das Auftreten von Figuren aus den unterschiedlichen Handlungen zusammengeführt. Hierbei versucht Barblin Recha zu helfen, die in den musikalischen Unterbrechungen des Stücks als sichtbares Zeichen der stets präsenten Gewalt auf verschiedenste Weise von verschiedenen Personen umgebracht wird und für große Teile des Stücks regungslos liegen bleibt. Das Volk kümmert sich dabei nicht weiter um die beiden und stößt Barblin heftig um, wonach auch sie regungslos liegen bleibt. Immer wieder betont es dabei, dass es ja unschuldig sei und nichts für den brutalen Tod Andris könne. Das Stück endet mit einem eingeblendeten Zitat von Bertolt Brecht: „Ihr aber / Wenn es soweit sein wird / Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenket unser mit Nachsicht.“

Die schauspielerische Leistung ist ohne Einschränkungen zu loben, wobei insbesondere hektische und emotionale Szenen das Publikum packend mitreißen. Immer wieder erschaudern die Zuschauer, wenn Sätze wie „Tut nichts, der Jude wird verbrannt“ fallen. Diese Brutalität wird besonders vom andorranischen Soldaten (Konstantin Reinhardt) verkörpert, der mehrfach Andri und Barblin beschimpft, beleidigt und auch körperlich angeht. Auch aufgrund dieser ernsten Stimmung sind die wenigen Malheurs, die den Schauspieler*innen unterlaufen, eine willkommene, etwas entlastende Abwechslung. Zwei Leistungen sind noch besonders hervorzuheben: Jannes Mutter verkörpert in beiden Handlungen eine der großen Hauptrollen und ist fast in jeder Szene zu sehen, ohne auch nur einmal eine Textunsicherheit zu zeigen. Ilayda Yildiz ist trotz ihres verletzten Beines (mit Krücken) in der Lage, sowohl die wichtige Rolle des Sultans Saladin zu verkörpern als auch als Musikerin mitzuwirken.

Passend ist die Wahl der Musik – nicht zuletzt das Thema aus dem Film „Schindlers Liste“. Dieser Bezug auf den Holocaust gibt dem Stück eine noch tiefere Bedeutung. 

Des Weiteren sind die Kostüme auffallend, denn anders als wohl in den Zeiträumen, in denen die Stücke spielen, tragen die Schauspieler*innen überwiegend moderne Kleidung. Dies könnte eine Aussage des Stücks sein, dass der Bezug zu unserer Zeit größer ist, als man sich klarmachen möchte (wie auch in den eingeblendeten Chats zu lesen ist). 

Ein besonderes Lob gebührt natürlich auch den vier Musiker*innen (Ilayda Yildiz an der Violine, Konstantin Reinhardt an der Klarinette, Leandro Tempel Luque an der Gitarre, Donghuyn Kim am Kontrabass), den Bühnenbildner*innen, unserer Technik-AG sowie der Regie, die allesamt einen hervorragenden Job gemacht haben.

Abschließend ist noch einmal zu betonen, dass die Theater-AG dem Publikum zwei hervorragende Abende geboten hat!

Konstantin Tonger (J1)

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